Rund 60 % der Schweizer KMU haben nach einer Umfrage von EY keinen konkreten Anwendungsfall für künstliche Intelligenz definiert. Bei grösseren Unternehmen setzt laut derselben Erhebung die Mehrheit KI bereits ein (Bilanz).
Zur Einordnung gehört eine Einschränkung: Erhebungszeitraum, Stichprobengrösse und Publikationsdatum der Umfrage werden in der Berichterstattung nicht genannt. Die Zahl taugt daher als Grössenordnung, nicht als belastbare Statistik. Interessant ist sie trotzdem, weil sie zu einem Muster passt, das in Beratungsgesprächen regelmässig auftritt.
Das Muster hinter der Zahl
Die fehlende Anwendung ist selten ein Technikproblem. In den meisten Betrieben sind die Werkzeuge längst vorhanden, häufig als Teil einer bestehenden Microsoft- oder Google-Lizenz. Was fehlt, ist die Entscheidung, welcher konkrete Ablauf verbessert werden soll.
Das erklärt auch den Unterschied zu grösseren Unternehmen. Dort existiert eine Rolle, deren Aufgabe es ist, Prozesse zu beschreiben und Verbesserungen zu priorisieren. In einem Betrieb mit 5 bis 50 Mitarbeitenden gibt es diese Rolle nicht. Die Geschäftsleitung arbeitet operativ mit, und die Analyse des eigenen Ablaufs ist keine Tätigkeit, für die im Tagesgeschäft Zeit entsteht.
Die Folge ist eine spezifische Form von Stillstand: nicht Ablehnung, sondern Aufschub. Das Thema gilt als wichtig, bleibt aber ohne Zuständigkeit und ohne Termin.
Warum allgemeine Schulungen daran nichts ändern
Ein Grundlagenkurs erzeugt Verständnis, aber keinen Anwendungsfall. Nach der Schulung wissen Mitarbeitende, was ein Sprachmodell ist, und stehen vor derselben Frage wie vorher: wofür genau im eigenen Arbeitsalltag.
Wirksam ist der umgekehrte Weg. Zuerst einen Ablauf auswählen, der oft vorkommt und Zeit kostet, dann die Werkzeuge darauf anwenden. Der Lernerfolg entsteht dabei am eigenen Fall und nicht am Beispiel eines fremden Unternehmens.
Vier Kriterien für den ersten Anwendungsfall
1. Häufigkeit vor Komplexität. Ein Ablauf, der wöchentlich mehrmals vorkommt, liefert schneller messbaren Nutzen als ein komplexer Jahresprozess. Angebotsschreiben, Terminbestätigungen, Rapportzusammenfassungen, Protokolle.
2. Textlastig statt datenkritisch. Der erste Fall sollte Text erzeugen oder verdichten, nicht Zahlen berechnen und schon gar nicht Entscheidungen treffen. Das reduziert das Risiko einer Fehlausgabe auf ein korrigierbares Mass.
3. Klarer Freigabepunkt. Es muss eine Person geben, die das Ergebnis vor der Verwendung prüft und dafür verantwortlich ist. Ohne diese Person ist der Anwendungsfall nicht produktionsreif, unabhängig von der Qualität der Ausgabe.
4. Ohne besondere Personendaten. Der Einstiegsfall sollte keine Gesundheitsdaten, keine Lohndaten und keine Bewerbungsdossiers betreffen. Diese Bereiche sind nach revidiertem Datenschutzgesetz sensibler und erfordern eine Vorabklärung, die den Start unnötig verzögert.
Messung ohne Aufwand
Damit aus dem ersten Fall eine Entscheidungsgrundlage wird, braucht es eine Messung. Sie muss nicht aufwendig sein. Zwei Werte genügen: benötigte Zeit vorher und nachher, jeweils bei fünf Durchläufen, und der Anteil der Ausgaben, die inhaltlich korrigiert werden mussten.
Diese zweite Zahl ist die wichtigere. Eine Zeiteinsparung von 40 % bei einer Korrekturquote von 60 % ist kein Erfolg, sondern eine Verlagerung des Aufwands vom Schreiben zum Prüfen. Betriebe, die nur die Zeit messen, kommen zu falschen Schlüssen und weiten den Einsatz auf einer schlechten Grundlage aus.
Was die 60 % wirtschaftlich bedeuten
Die Zahl beschreibt keinen Wettbewerbsnachteil, der sofort wirkt. Sie beschreibt eine Verzögerung. Solange ein Grossteil der Branche im gleichen Zustand ist, entsteht kein Druck. Der Druck entsteht, wenn ein Mitbewerber Angebote schneller stellt, Anfragen schneller beantwortet oder Dokumentation zuverlässiger liefert.
Genau dort wirken die genannten Einstiegsfälle. Sie verbessern nicht das Produkt, sondern die Reaktionsgeschwindigkeit im Verkauf und die Vollständigkeit der Dokumentation. Das sind in vielen Schweizer Branchen die Unterscheidungsmerkmale, weil Qualität ohnehin vorausgesetzt wird.
Wie hoch die tatsächliche Nutzung unter Beschäftigten in der Schweiz liegt und welche Regeln sich daraus ergeben, behandelt der Beitrag 49 % der Schweizer Beschäftigten nutzen täglich KI: 5 Regeln für KMU. Für die Werkzeugwahl gibt der Beitrag Copilot oder Gemini: Acht Entscheidungs-Dimensionen eine neutrale Grundlage.
Nächster Schritt
Im Erstgespräch bestimmen wir gemeinsam einen konkreten Ablauf aus Ihrem Betrieb, legen den Freigabepunkt fest und formulieren die dafür nötigen Prompts in Ihrer Terminologie. Kein Standardpaket, sondern Ihr Prozess. Erstgespräch vereinbaren.
